Winterreifen – das M+S-Kürzel kann irreführend sein!

  • Autor: OPONEO.DE

Haben Sie gewusst, dass das M+ S-Kürzel gar nicht von den Wintereigenschaften des Reifens zeugt? Erfahren Sie warum.

Wir haben in letzter Zeit eine E-Mail von einem unserer Leser erhalten ...

Dieser Leser hat einen Bekannten im Ausland, der ihm Reifen einer unbekannten Marke zu Weihnachten schickte. Auf den Reifen stand M+S. Unserer Leser freute sich über dieses Geschenk, weil er geplant hat, Winterreifen zu kaufen. Auf der Stelle fuhr er in eine Werkstatt, um neue Reifen zu montieren. Nach ein paar Tagen schneite es, aber für unseren Leser war es nicht schlimm, denn sein Auto hatte schon Winterreifen. Unser Leser wollte in die Arbeit fahren, aber schon bei dem ersten Hügel gab es Probleme. Die Räder drehten im Tiefschnee durch, und das Auto konnte nicht bergauf fahren.

Wir erklärten unserem Leser, dass – trotz des M+S-Kürzels – es sich gar nicht um einen Winterreifen handeln muss. Es ist auch auf Reifen für 4x4-Wagen, auf Ganzjahresreifen (auch auf Reifen für den amerikanischen Markt) und sehr häufig auf Reifen aus China, selbst auf solchen Reifen, die nicht den minimalen Anforderungen entsprechen, zu finden.

Es stellte sich heraus, dass unser Leser keine Winterreifen besitzt. Reifen, die er bekam, erfüllen bei harten Bedingungen, die im Winter in einer bergigen Gegend herrschen, ihre Aufgabe nicht.

Es ist empfehlenswert, dieses Problem besser zu analysieren und die folgende Frage zu beantworten: "Welche Eigenschaften muss ein Reifen haben, um für winterliche Bedingungen geeignet zu sein?"

Ein Winterreifen muss bestimmte Anforderungen erfüllen

Ein Winterreifen muss bestimmte Anforderungen erfüllen.

Woran erkennt man einen Reifen, der für winterliche Bedingungen geeignet ist?

Von Winterreifen erwarten wir, dass sie Sicherheit auch unter härtesten Bedingungen, wenn sich Schnee und Eis auf der Straße befindet, bieten. Es ist wichtig, dass das Anfahren problemlos und die Kurvenhaftung gut sind. Am wichtigsten ist aber das Bremsmanöver unter diesen harten Bedingungen. Der unter allen Bedingungen wichtigste Qualitätsmaßstab der Reifen ist das effektive Bremsen des Fahrzeugs. Darüber hinaus ist es ein Parameter, der leicht zu prüfen ist und der für hohe Wiederholgenauigkeit und Zuverlässigkeit der Messungen sorgt.

Das M+S-Kürzel ist nur eine Erklärung des Herstellers, dass das Laufflächenprofil und die verwendeten Materialien es diesen Reifen erlauben, eine bessere Performance auf Schnee und Matsch als Standard-Reifen zu bieten. Ist "besser" aber ausreichend?

Das M+S-Kürzel ist auf allen Winterreifen zu finden, aber nicht alle Reifen, die mit diesem Symbol versehen werden, haben entsprechende Eigenschaften. Diese Bezeichnung umfasst nämlich nicht nur Winterreifen.

M+S-Reifen und typische Winterreifen

M+S-Reifen und typische Winterreifen.

Die einzige Bestätigung, dass es sich tatsächlich um einen Winterreifen, der (auf Schnee) bestimmte Eigenschaften aufweist, handelt, ist das Symbol einer Schneeflocke und drei Gipfel, bekannt als 3PMSF (Three Peak Mountain Snow Flake). Dieses Symbol wird nach genauen Tests der Reifen verliehen.

Um die 3PMSF-Bezeichnung zu bekommen, muss ein Reifen bestimmte Anforderungen erfüllen.

ACHTUNG!
Wahrscheinlich fragen Sie sich, warum wir in diesem Artikel oft den Begriff "Reifen für Winterbedingungen" und nicht einfach "Winterreifen" verwenden.
Mit dem 3PMSF-Symbol werden nämlich nicht nur Winterreifen versehen, sondern auch einige Ganzjahresreifen, die bestimmte Anforderungen bezüglich der Haftung auf Schnee erfüllen.
Auto mit entsprechenden Reifen ausstatten

Autofahren ist im Winter gar nicht leicht, deshalb sollten Sie Ihr Auto
mit entsprechenden Reifen ausstatten.

Für Neugierige – ein paar Vorschriften

Welche Tests bestimmen, ob ein Reifen bei Winterbedingungen verwendet werden kann?

Ausführliche Richtlinien bezüglich der Wintertauglichkeit eines Reifen befinden sich in dem Änderungsantrag zur Regelung 117 des UNECE. Die Änderung verlangt, dass Winterreifen ein bestimmtes Leistungsniveau auf Schnee aufweisen. Der Reifen wird einem Brems- und Traktionstest unterzogen. Erst nach Bestehen des Tests kann der Reifen mit einem 3PMSF-Symbol versehen werden.

Wie sieht der Test aus?

In den oben genannten Vorschriften wurde eine konkrete Test-Methode bestimmt. Ihr Name ist ziemlich kompliziert: Mittlere Vollverzögerung" (MFDD – Mean Fully Developed Deceleration).

In diesem Test geht es darum, dass man die Strecke, die ein Auto mit ABS-System während des Bremsens von 25 km/h auf 10 km/h zurücklegt, misst. Danach berechnet man den Schneetraktionsindex gegenüber dem Referenzreifen (SRTT – Standard Reference Test Tyre). Kurz gesagt es wird hier getestet, ob ein Reifen während der Bremsverzögerung ins Schlingern gerät und wie groß ist das Schlingern.

Der Referenzreifen wird gemäß der Norm E1136-93 (2003) hergestellt, kontrolliert und aufbewahrt. Diese Norm wurde von der American Society for Testing and Materials (ASTM) – einer Organisation, die sich mit der Entwicklung von Normen in den Vereinigten Staaten befasst – herausgegeben.

Unter welchen Bedingungen werden solche Reifen getestet?

Der Test soll auf einer möglichst flachen Strecke aus festem Schnee, von entsprechender Länge und Breite und einer maximalen Neigung von 2 Grad durchgeführt werden. Die Strecke muss aus folgenden Schneeschichten bestehen:

  •     unterer Schicht aus festem Schnee (mindestens 3 mm),
  •     oberen Schicht (ca. 2 cm).

Während des Tests sollte die Lufttemperatur 1 Meter über der Oberfläche zwischen -2 und -15 Grad Celsius liegen, und die Schneetemperatur auf ca. 1 cm Tiefe sollte zwischen 4 und -15 Grad Celsius sein. Man sollte auch starken Wild und Sonnenbestrahlung und Änderungen in der Sonnenbestrahlung und Feuchtigkeit während des Tests und an verschiedenen Stellen vermeiden.

Wie interpretiert man die Messergebnisse?

Damit ein Reifen als ein Winterreifen, der unter schweren Schneebedingungen eingesetzt werden kann, anerkannt und mit dem Schneeflocken-Symbol versehen sein kann, muss er im Vergleich zum Referenzreifen zumindest folgenden Schneetraktionsindex aufweisen:

  •     1,07 (um 7 Prozent besser) bei Reifen der C1-Kategorie (PKW-Reifen),
  •     1,02 (um 2 Prozent besser) bei Reifen der C2-Kategorie (LKW-Reifen).

Dieser Index ist das Verhältnis zwischen dem vom Testreifen erzielten Ergebnis und dem Ergebnis, das vom Referenzreifen erreicht wurde.

Der Schneetraktionsindex kann auch mithilfe einer Messmethode gemäß der Norm ASTM F 1805-06 berechnet werden. In diesem Fall muss der Reifen einen Index von 1,10 erreichen, also um 10 Prozent besser als der Referenzreifen sein.

Leider werden die Testergebnisse nicht veröffentlicht. Deswegen wissen wir nicht, welche Reifenmodelle während der Homologation die besten waren. Auskunft über die Reifen-Performance können also nur Tests geben, die durch Organisationen und Automobil-Zeitschriften durchgeführt werden.

Die folgende Tabelle enthält die minimalen Indexwerte, welche ein Winterreifen erreichen muss.

Reifenklasse Index Grip auf Schnee (Bremsen) Index Grip auf Schnee (Traktion)
Beispiel für Reifen SRTT 14 SRTT 16C SRTT 14
C1 (Pkw-Reifen) 1,07 - 1,10
C2 (Lieferwagen Reifen) - 1,02 1,10

Minimale Indexwerte für Reifen, die mit dem Schneeflocken-Symbol (3PMSF) versehen werden.

3PMSF-Symbol an der Reifenflanke.

3PMSF-Symbol an der Reifenflanke.

Zusammenfassung – warum ist das M+S-Kürzel nicht ausreichend?

Ein Reifen hat viele Leistungsmerkmale. Haftung, Lenkbarkeit, Effizienz, Fahrkomfort, Geräuschkomfort, Verschleißfestigkeit der Lauffläche, Beständigkeit gegen Beschädigungen sind nur wenige von ihnen. Die goldene Mitte zu finden ist gar nicht leicht. Es ist unmöglich, einen Reifen zu schaffen, der in jeder Hinsicht perfekt ist. Dies ist aber auch nicht notwendig, denn die Performance jedes Reifens soll einfach dem Anwendungszweck angepasst sein.

Andere Leistungsmerkmale sind für Besitzer von Stadtwagen wichtig, andere für Besitzer von Sport-Coupés, andere für Besitzer von Familien-Vans, und noch andere für Offroad-Fans. Unterschiedliche Eigenschaften besitzen auch Sommer- und Winterreifen.

Laut Rechtsvorschriften müssen alle Reifen bestimmte Anforderungen im Hinblick auf erlaubte Höchstgeschwindigkeit (Geschwindigkeitsindex), zulässige Last (Tragfähigkeitsindex) und Abrollgeräusche erfüllen – seit 1. November 2012 (also der Einführung der obligatorischen Reifenlabels) auch Rollwiderstand und Nasshaftung. Darüber hinaus müssen Winterreifen auch bestimmte Leistungsmerkmale haben, um wintertauglich zu sein.

Ein Reifen, der nur mit dem M+S-Kürzel versehen ist, hat also eine andere Bestimmung als Reifen, die speziell für Winterbedingungen hergestellt werden.

Welche Reifen für Winterbedingungen kaufen?

Wenn Sie mehr Zuverlässigkeit und Sicherheit auf Schnee und bei niedrigen Temperaturen haben wollen, wählen Sie Reifen mit dem Symbol einer Schneeflocke und drei Gipfel (3PMSF). Grundsätzlich alle Winterreifen und einige Oberklasse-Ganzjahresreifen (zum Beispiel Kleber Quadraxer, Goodyear Vector 4Seasons), die von den großen Herstellern produziert und in Europa verkauft werden, werden mit dem Symbol M+ S und 3PMSF versehen. Eine Ausnahme sind möglicherweise amerikanische M+S-Reifen, Reifen unbekannter Herkunft aus Asien (es gibt auch bewährte asiatische Qualitätsreifen) und sehr alte Reifen (älter als 10 Jahre) – solche Produkte sind definitiv nicht empfehlenswert.


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