Akron – die Welthauptstadt der Reifenindustrie

  • Autor: OPONEO.DE

Der erste war Goodrich

Ohne die Reifenindustrie und verwandte Branchen, wie die Gummi- und Chemieindustrie, wäre Akron heute ein Kleinstadt, wie viele andere in den angrenzenden Grafschaften. Ein solches Städtchen war sie noch zum Ende des 19. Jahrhunderts (1870 wohnten dort gerade einmal 10 Tausend Menschen). Als in den 60. Jahren Dr. Benjamin Franklin Goodrich, ein New Yorker und Absolvent der Schule im nahegelegenen Cleveland, Akron besuchte, war er begeistert vom grenzenlosen Geschäftspotenzial dieses Ortes.

Günstige Kohle und dadurch auch günstige Energie. Hinzu kommt viel sauberes Wasser, ein gutes Schienentransportsystem und fehlende Konkurrenz auf der Westseite der Appalachen. Das waren optimale Bedingungen für die Gründung der ersten Gummifabrik in Akron. Im Jahr 1870 verlegte Goodrich den Sitz seiner B.F. Goodrich Company. Sein Betrieb, der anfangs Feuerwehrschläuche produzierte, entstand dank der Unterstützung von lokalen Geschäftsleuten, die 14 Tausend Dollar investierten.


Die Fabrik in Akron

Die Fabrik in Akron

Später kam alles ganz schnell: der Fahrrad-Boom in den 90. Jahren des 19. Jahrhunderts, die Erfindung des pneumatischen Reifens und die anschließende Entwicklung der noch in den Kinderschuhen steckenden Automobilindustrie. Wenn man hierzu noch die enorme Nachfrage nach Gummiprodukten berücksichtigt, wird es einfach zu verstehen, welche Zivilisationswandlung in Akron innerhalb von nur wenigen Dekaden vonstattenging. Ins 20. Jahrhundert ging die Stadt bereits mit einer Bevölkerung von über 42 Tausend Einwohnern.

Der Markterfolg von B.F. Goodrich ermutigte weitere Investoren zum Aufbau von größeren oder kleineren Gummifabriken in Akron. Zu den größeren zählen hierbei vor allem Goodyear Tire and Rubber Company (1898), Firestone Tire and Rubber Company (1900) und Diamond Rubber Company (1898). Die Gummiwerke, darunter auf Reifenbetriebe, verdrängten die alten Manufakturen, Mühlen bzw. Sägewerke aus Akron. In die Stadt zogen nicht nur eine Menge Geschäftsleute, aber auch Arbeiter aus ganz Amerika. Im Jahr 1910 zählte Akron bereits 70 Tausend Einwohner.

Akron – das gelobte Land

Das, was sich in der nächsten Dekade ereignete entschied darüber, dass die ehemalige Provinz am Cuyahoga Fluss als amerikanische Hauptstadt der Gummiherstellung erachtet wurde. Forscher der Geschichte des Staates Ohio zeigten, dass viele Arbeiter, die einst für Goodrich arbeiteten, zum Entschluss kamen, dass sie mit einer ähnlichen Unternehmung sich gut selbstständig machen können. Dadurch entstanden kleine, lokale Unternehmen, die um Fachleute aus dem Osten der Vereinigten Staaten warben.

Darüber hinaus sorgte die Krise, die in den 90. Jahren des 19. Jahrhunderts durch Amerika zog, in anderen Industriesektoren dafür, dass man auch in Akron spottbillig verlassene Fabriken kaufen konnte. Hinzu kommen auch billige Arbeitskräfte aus den ganzen USA. Zu der damaligen Zeit konnten die Gummibetriebe 20 Prozent weniger zahlen als in der Stahl- und Bergbauindustrie und trotzdem hatten sie keine Probleme Arbeiter zu gewinnen. Die Nachfrage nach deren Produkten war gewaltig und stieg mit jedem Jahr an, insbesondere während des 1. Weltkriegs.


Das Panorama von Akron

Das Panorama von Akron

Im Jahr 1920 überstieg die Einwohnerzahl von Akron 208 Tausend, wobei fast ein Drittel (rund 60 Tausend) in den Reifenbetrieben tätig war. Menschen kamen aus den südlichen Bergbau-Städten von Ohio, aus West Virginia und sogar aus Kentucky oder Tennessee. Es kamen auch die ersten Immigranten aus Europa: hauptsächlich Engländer, Irländer und Deutsche.

Große Reifenunternehmen, wie Goodyear oder Firestone, haben bereits damals den Ankömmlingen gute Wohnungsbedingungen geboten. Es wurden für sie Siedlungen mit einer guten sozialen Infrastruktur errichtet. Mit der Zeit wurden durch die Tätigkeit der größten Arbeiterorganisation, United Rubber Workers, die zu Beginn der 30er Jahre gegründet wurde, auch andere Arbeiterprobleme normiert. In den Reifenbetrieben in Akron konnte der 8-Stunden-Arbeitstag, bezahlter Urlaub und Renten erkämpft werden.

Nachkriegshoch

Schon in den 20er Jahren gingen gewaltige Transporte an Reifen und anderen Gummimaterialien, die durch immer besser wirtschaftende Automobilunternehmen bestellt wurden, in den naheliegenden Staat Michigan (dort begannen ihre Geschäftstätigkeit solche Marken, wie Ford, General Motors und Oldsmobile). Auf die Vorstellung vieler wirkten auch weitere geschäftliche Erfolge.

Solche Geschäftsprojekte, wie etwa General Tire, würden wir heute als Start-up bezeichnen, sprich einer Unternehmung, die bei Null mit geliehenem Kapital in einem altem Lager anfängt. Das General Tire Unternehmen, das 1915 in Akron gegründet wurde, verzeichnete nach zwei Jahren Umsätze in Höhe von einer Millionen Dollar. Innerhalb von zwei Dekaden wurde es zum größten Reifenhersteller in den Vereinigten Staaten.


Der Ford Mustang

Der Ford Mustang

An Ohio gingen die Auswirkungen der Großen Krise der 20er Jahre nicht spurlos vorbei. Im Jahr 1930 verloren allein in den Gummibetrieben rund 14 Tausend Menschen ihre Arbeit. Die Situation besserte sich erst eine Dekade später, als die Unternehmen begannen Aufträge für das amerikanische Militär während des 2. Weltkriegs durchzuführen. Allein Goodyear musste in dieser Zeit 35 Tausend neue Arbeiter einstellen. Die Betriebe in Akron produzierten Tag und Nacht, sieben Tage in der Woche.

Die Stadt erntete die Früchte dieser Investitionen in das Produktionspotential der dortigen Reifenindustrie. Im Jahr 1950 war sie nicht nur die amerikanische, aber auch die Welthauptstadt der Reifenindustrie. Es reicht aus auf die Zahlen zu blicken. In Akron und Umgebung gab es zu der Zeit 130 Unternehmen, die Reifen produzierten. Diese gaben rund 85 Tausend Menschen Arbeit und deckten ein Drittel der Nachfrage in den gesamten Vereinigten Staaten. Fünf von sechs der größten Unternehmen besaßen ihren Sitz in Akron. Das erste und letzte Mal in der Geschichte der Stadt näherte sich die Einwohnerzahl der 300 Tausend Marke (in den 50er Jahren waren es über 290 Tausend).

Ein Schatten des einstigen Rufes

Das Landschaft begann sich in der 70er Jahren zu verändern. Insbesondere kleinere amerikanische Marken hielten die Konkurrenz mit ausländischen Marken nicht stand. Als Michelin seine Radialreifen in Amerika einführte, besaßen nicht einmal die Größen dieser Branche in der USA eine Antwort darauf, die an den Diagonalreifen festhielten. Zum Ende des 20. Jahrhunderts war das einzige Großunternehmen, das in Akron blieb Goodyear (heute beschäftigt es etwa 3 Tausend Menschen in Akron).


Der Michelin-Reifen

Der Michelin-Reifen

General Tire wurde durch Continental aufgekauft, B.F. Goodrich wurde im Jahr 1990 letztlich Eigentum von Michelin. Ein Jahr zuvor kam Firestone zu Bridgestone. Einige Jahre nach der Reifenmacht blieben in ganz Ohio nur noch die Spuren. Zum Jahrhundertwechsel sank die Zahl der in der Gummiindustrie in Akron Beschäftigten zuerst auf 15 Tausend und später sogar auf rund 7,5 Tausend.

Erst in den letzten Jahren verbesserte sich die Situation in der einstigen Reifenhauptstadt. Vor sechs Jahren entschied sich Bridgestone für deutliche Investitionen in Akron (2011 eröffnete es dort sein technisches Zentrum: Bridgestone Americas Tire Operations Inc., das sich mich Forschung und Entwicklung beschäftigt). Unweit davon eröffnete das Unternehmen Triangle Tires, eines der größten Reifenhersteller in China, seinen amerikanischen Sitz.

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