Der Pirelli-Kalender zieht seit Jahren die Blicke auf sich und weckt Emotionen

  • Autor: OPONEO.DE

Einige Reifenhersteller sind nicht nur durch ihre eigentlichen Produkte bekannt. Einer davon ist Pirelli und sein Kultkalender, der ein Symbol allein für sich sowie ein Objekt der Begierde für Sammlern in der ganzen Welt darstellt.

Den Pirelli-Kalender kann man nicht einfach so im Laden kaufen. Alle Editionen sind streng limitiert und werden nur ausgewählten Geschäftspartnern und wichtigen Persönlichkeiten überreicht. Die erste Ausgabe bekommt bspw. immer die britische Königin. Einige Exemplare gehen auch an karitative Auktionen. Von der Auflage einiger tausend Kalender, gelangten rund 150 Exemplare in den letzten Jahren nach Polen.

Der Pirelli-Kalender 2017 – die Haut ist nicht am wichtigsten

Der neueste Pirelli-Kalender 2017 knüpft leicht an den Vorjahreskalender an, in dem Fotos von Frauen mit Erfolg gezeigt wurden. In der kommenden Auflage wird es 14 bekannte Schauspielerinnen geben. Sie werden ohne Make-up gezeigt und die Bilder werden nicht retuschiert.

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Ein Foto von Robin Wright, die u.a. aus ihrer Rolle der Claire Underwood in der Serie "House of Cards" bekannt ist, im Kalender 2017 (Foto Pirelli/Peter Lindbergh).

Der Autor der Fotos ist der deutsche Fotograf und Regisseur Peter Lindbergh. Auf den Seiten des Kalenders findet man solche Größen wie Jessica Chastain, Penelope Cruz, Nicole Kidman, Rooney Mara, Helen Mirren, Julianne Moore, Lupita Nyong’o, Charlotte Rampling, Lea Seydoux, Uma Thurman, Alicia Vikander, Kate Winslet, Robin Wright oraz Zhang Ziyi. Als spezieller Gast tritt Professorin Anastasia Ignatova von der Lomonossow-Universität Moskau auf.

Das grundlegende Kriterium für die Auswahl der Kalender-Modells waren Filme. Der Fotograf richtete sich nach den Namen der Schauspielerinnen, die eine wichtige Rolle in seinem Leben spielten und durch vernünftige, geschätzte Rollen berühmt wurden. Man sollte wissen, das die meisten von ihnen einen Oscar für ihre Leistungen erhielten.

Peter Lindbergh entschied sich die Schauspielerinnen ohne Make-up zu fotografieren, um sie vom Image der ewig jungen und perfekten zu befreien. Nach seiner Meinung ist das kommerziell lancierte Ideal von Schönheit in der Realität nicht zu erreichen. Wichtiger als dieses Ideal ist das Darstellen von Individualismus und Authentizität. Daher auch der Titel des Kalenders, der „Emotionell“ lautet. Er unterstreicht die Idee der Edition 2017, bei der das wichtigste war „einen Kalender zu entwerfen, der nicht nach dem idealen Körper, sondern nach Sensibilität und Emotionen geschaffen ist“.

Wenn wir an die Anfänge zurückgehen und einzelne Editionen durchgehen, dann kann man sehen, dass sie eine außergewöhnliche Dokumentation der Veränderungen in der Fotografie, der Mode und der Gesellschaft über den Zeitraum der letzten 50 Jahre abbilden. Die Gestalter des Kalenders überraschen jedes Jahr mit etwas neuem. Allgemein bringt man ihn mit künstlerischen Aktfotos von Modells in Verbindung, jedoch ist z.B. die letzte Edition weitaus mehr als eine Huldigung der weiblichen Schönheit.

Wir laden zu einer kurzen Reise durch die Seiten des wohl bekanntesten Kalenders des vergangenen halben Jahrhunderts ein.

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Die Arbeit am Kalender wird stets den besten Fotografen überlassen. Auf dem Bild Peter Lindbergh (Foto Pirelli).

Der Erfolg überstieg die Erwartungen

Alles begann am Anfang des 60er Jahre des XX Jahrhunderts. Das britische Tochterunternehmen von Pirelli suchte nach einer neuen Strategie für die Marketing-Kommunikation. Jemand kam auf die Idee einen Kalender zu drucken, der grundsätzlich als Firmengadget verteilt werden und an den Wänden von Autowerkstätten hängen sollte. Die Idee wurde damit begründet, dass andere Unternehmen aus dieser Branche so eine Lösung bereits nutzten und es bewies sich als richtige Entscheidung.

Auf diese Weise entstand die erste Edition des Kalenders im Jahre 1963. Der Erfolg war so groß, dass die Leute, die mit seiner Herstellung beauftragt waren, feststellten, dass man seine Bestimmung schnell ändern sollte. Er stellte sich als zu gut für die Werkstattwand heraus. Die erste Edition wurde zum Kult und es ist seit längerem nicht möglich diese Edition zu bekommen. Eine kleine Anzahl dieser Exemplare befindet sich im Besitz von Sammlern.

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Das Konzept des Kalenders änderte sich mit den Jahren. Hier die Edition die zum 50. Jubiläum herausgegeben wurde (Foto Pirelli/Peter Lindbergh).

Die ersten Editionen des Pirelli-Kalenders

Die Bilder, die sich in den ersten Editionen des Pirelli-Kalenders befinden, können den heutigen Betrachter verwundern. Nacktheit gab es kaum, eher ein Spiel der Spiel der Symbole mit einem feinen Hauch von Erotik. Die ersten Ausgaben des Pirelli-Kalenders umfassten solche Bilder, wie einen aus einem Nachthemd hervorkommenden Oberschenkel (1964), eine Zunge, die Sorbet leckt (1969), durchtrainierte Brüste (1973) oder Wasser durchtränkt (1974). Erwähnenswert ist, dass sich auf einer der Seiten ein Foto befand, auf dem eine Frau eine Zigarette raucht. Heute würde so eine Ausgabe wohl mehr schockieren, als Nacktheit.

Das Konzept jeder Kalender-Edition wurde Fotografen anvertraut, die ohne Probleme ihre Visionen realisieren konnten. Kosten sind nicht von Belang und in Angelegenheiten der Sitte standen die Kalender immer an der Grenze der geltenden Normen. Zu Beginn zeigten die Modells sich nicht nackt. Wie wir schon beschrieben haben, waren die ersten Editionen eher ein Spiel mit Hintersinn und wirkten auf die Vorstellung. Die Situation änderte sich zum Anfang der 70er Jahre. 1972 stand zum ersten Mal eine Frau vor dem Fotoapparat, die auf den Fotos ihre nackten Brüste zeigte.

Die ersten Editionen des Kalenders befanden sich aus gesellschaftlicher Sicht sprichwörtlich zwischen Hammer und Amboss. In den 60er Jahren erwachte Großbritannien wieder zum Leben, die Wunden des II Weltkrieges waren teilweise schon geheilt, die Ära von Miniröcken und der sexuellen Revolution hielt Einzug. Zur selben Zeit sah die Lage in Italien komplett anders aus. Politische Veränderungen gingen mit der Zensurbefürwortung der Mittelschicht einher. In moralischen Angelegenheiten intervenierte der Vatikan stark. Aus diesem Grund war die Erotik des Pirelli-Kalenders in vielen Kreisen empörend. Die Edition von 1965 erschien unter medialem Schweigen und war nur für Ausgewählte reserviert. Im Endeffekt entstand schnell der Mythos eines exklusiven und kontroversen Kalenders.

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Einzelne Editionen war mehr oder weniger brav – hier 1996 (Foto Pirelli/Peter Lindbergh).

Krise, Pause und großes Comeback

Die darauffolgenden Jahre hoben die Bedeutung des Kalenders noch deutlicher. Jedoch, wie es oft Fall ist, nach den guten Jahren kamen schlechte Jahre. Der Yom Kippur Krieg und der ungelöste Konflikt im Nahen Osten brachte Westeuropa ein Erdöl-Embargo. Die Automobilindustrie und mit ihm auch die Reifenindustrie begannen eine gewaltige Krise zu durchlaufen. Die Firma Pirelli und Dunlop (dem neuen Partner des italienischen Konzerns) fehlten die Geldmittel, um die Kalender herauszugeben. Alles deutete darauf hin, dass das Jahr 1974 das Aus für die Kalender sein wird. Der medialen Information über den Arbeitsstopp folgte eine regelrechte Trauer.

Die Situation nach dem Einstellen des Erscheinens der Kalender wurde noch schwieriger. Nachdem die wirtschaftlichen Probleme überstanden waren, wurde Italien von Terror heimgesucht. Die Firma Pirelli durchging ebenfalls schwere Probleme. Die Beziehungen mit Dunlop zerbrachen, was Ausgaben für Entschädigungen und Kapitalrückzahlungen in Millionenhöhe machte. Das britische Tochterunternehmen verzeichnete gewaltige Einbußen. Trotz dieser Schwierigkeiten entschied sich der Pirelli-Vorstand 1982 für eine Neuaufnahme des Erscheinens der Kalender. Es war eine gezielte Maßnahme, die ein positives Signal aussenden sollte, das zeigte, dass die Schwierigkeiten des Konzerns überwunden werden.

Nach der Reaktivierung überraschte und begeisterte der Kalender unaufhörlich. Im Jahr 1984 wurden die Modells nach dem Muster der Lauffläche des Pirelli P6 Reifens bemalt. 1987 beinhalteten die Seiten ausschließlich schwarzafrikanische Modells, unter ihnen Naomi Campbell. In den 90er Jahren kamen neue Konzepte auf, wie zum Beispiel die ausschließliche Verwendung von Schwarz-Weiß-Bildern oder die „Weltfrauen“ Session von 1997 bzw. die Rückkehr zum Pin-up Stil 1999. Der Pirelli-Kalender von 2000 hingegen war in einer düsteren Stilistik gehalten. In den darauffolgenden Editionen konnte man Sessions in fernöstlicher oder afrikanischer Atmosphäre bewundern. Der nächste Durchbruch gelang im Jahr 2011. Der Autor der Fotos in dieser Edition war Karl Lagerfeld, der Gestalten aus der griechischen und römischen Mythologie präsentierte. Zum ersten Mal traten neben weiblichen auch männliche Modells auf.

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Gigi Hadid im Kalender von 2015 (Foto Pirelli/Steven Meisel).

Der Pirelli-Kalender evolviert die ganze Zeit 

Der Pirelli-Kalender von 2016 besitzt eine revolutionäre Änderung der Stilistik. Er ist eine Anerkennung der intellektuellen Kraft von Frauen und nicht nur deren Schönheit. Die Autorin der Fotos ist Annie Leibovitz und auf den Seiten erschienen u.a. Amy Schumer, Yoko Ono, Patti Smith und Serena Williams. Das sind keine professionellen Modells (mit der Ausnahme einer, die karitativ Tätig ist) und deren Körper entsprechen nicht dem Ideal, aber trotzdem wecken sie Bewunderung.

Der Kalender trägt die klare Botschaft, dass Schönheit nicht definierbar ist. „Als sich Pirelli mit mir in Kontakt gesetzt hatte, wollten sie sich von der Vergangenheit lösen. Sie machten den Vorschlag außerordentliche Frauen zu fotografieren. Als wir diese Frage geklärt hatten, war es das Ziel eine ehrliche Botschaft zu übermitteln. Ich wollte, dass die Fotos Frauen so zeigen, wie sie wirklich sind“, sagte Annie Leibovitz.

Schönheit lässt sich nicht definieren, allerdings kann man den Pirelli-Kalender definieren, der über die Jahre zu einem Symbol wurde. Das beste Team, Top-Modells, unglaubliche Entwürfe eingeschlossen in 2 Kilogramm und den Abmaßen von 61 cm auf 40 cm. Die Gestalter des Kalenders haben für gewöhnlich 1,5 – 2 Millionen Dollar zur Verfügung und müssen daher praktisch nicht auf Kosten achten. Es gab bereits Sessions in China, ökologische in Afrika, auf gemieteten Inseln und in Schlössern. Man baute die Arche Noah und mietete Leute zum Fegen von Stränden. Das scheint ein sehr großer Betrag zu sein, allerdings sind die Kosten für TV-Spots sehr viel höher und ein Kalender eignet sich besser um das Image einer Marke zu bauen. Deshalb schaut man nicht so genau auf die Entstehungskosten.

 

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Yao Chen im Pirelli-Kalender 2016 (Foto Pirelli/Annie Leibowitz).

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Serena Williams im Pirelli-Kalender 2016 (Foto Pirelli/Annie Leibowitz).

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Amy Schumer im Pirelli-Kalender 2016 (Foto Pirelli/Annie Leibowitz).

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Anna Ewers - Pirelli-Kalender 2015 (Foto Pirelli/Steven Meisel).

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Der Pirelli-Kalender wurde zu einem Symbol (Foto Pirelli/Peter Lindbergh).

 
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